Archive for April, 2006

Geisteswissenschaften: Breaking News (FAZ)

Mittwoch, April 26th, 2006

Im Artikel “Eine Kugel zuviel im Medici-Wappen” über einen Fälschungsskandal um eine Statuette von 1867:

“Über die Autorschaft stritt die Wissenschaft bis heute.”

Dann ist der Streit am Tag der Artikel-Veröffentlichung nach fast 140 Jahren endlich beigelegt worden - über das sensationelle Ergebnis schweigt sich die Autorin im folgenden leider aus.

Binnendifferenz (FAZ, Titelseite / S. 2)

Mittwoch, April 26th, 2006

In einem Artikel über die Ereignisse in Nepal:

 ”Der Weg zurück zur nepalesischen Normalität scheint nun verbaut.” (6. Absatz)

Zwei Absätze später:

“Das Angebot des Königs sei ein ‘Trick, um das nepalische Volk zu brechen und seine autokratische Monarchie zu retten’, wetterte er.”

Nepalesisch und nepalisch - ein Unterschied, den man gerne kennen würde. Zumal nur in der FAZ das Wort “nepalisch” konsequent verwendet wird.

Der Weg ist die Zeit (FAZ, Feuilleton, S. 40)

Samstag, April 22nd, 2006

Christoph Kampmann in einem Artikel über den Historiker Fritz Dickmann:

“(…) man sei in dieser Hinsicht also nach gewissen Umwegen wieder bei der Auffassung der Publizisten des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts angelangt.”

Auf gewissen Umwegen gelangt man so nach einer Zeit zur Zeit davor. Das ist Geschichte.

Atomzeit (FAZ, Titelseite)

Samstag, April 22nd, 2006

In “Rußland will Beweise gegen Iran sehen”:

“Der Iran stellte Rußland unterdessen einen Milliardenauftrag für den Bau von zwei weiteren Atomreaktoren in Aussicht gestellt.”

Der Iran stellte in Aussicht gestellt - im Rennen Irans gegen die Zeit überschlagen sich sogar die Tempi selbst.

Im Wirbel des Völkerrechts (FAZ, Feuilleton, S. 39)

Freitag, April 21st, 2006

Der Göttinger Rechtsprofessor Christoph Möllers bespricht heute in einem vierspaltigen Artikel die neuaufgelegte Dissertation des finnischen Völkerrechtlers Martti Koskenniemi. 

Das lobenswerte Unterfangen, das Werk des vielgelesenen Rechtswissenschaftlers ausführlich zu rezensieren, wird leider nicht ganz löblich ausgeführt: 

„In diesem Bündel von Antagonismen zwischen der Utopie einer internationalen Gemeinschaft und der Apologie politischer Realitäten scheitert das Völkerrecht daran, juristische Begründungsleistungen zu erbringen oder eben umgekehrt: mit Völkerrecht läßt sich heute alles begründen.“ (4. Absatz) 

Abgesehen davon, daß es sich nicht um ein „Bündel von Antagonismen“ handelt, sondern um einen einzelnen Gegensatz, ist „Apologie politischer Realitäten“ eine unsinnige Formulierung. ”Apologie“ bedeutet “Verfechtung“ oder “Verteidigung”, die Realität läßt sich aber weder verteidigen noch angreifen. Der erwähnte Gegensatz würde allein zwischen Utopie und Realität bestehen. 

Ähnliches später: 
„Liberale Theorien des Rechts seien grundsätzlich nicht in der Lage, den Antagonismus zwischen individueller Freiheit und den Anliegen der Gesellschaft aufzuheben.“ (6. Absatz)

Der Gegensatz ist wiederum falsch gebildet.  Vor allem aber ist keine Theorie in der Lage, Gegensätze aufzuheben oder in einer sonstigen Weise die Welt zu beeinflussen. Der von Karen Horn im heutigen Wirtschaftsleitartikel angeführte Karl Marx machte den Unterschied zwischen Theorie und Praxis in seinem bekannten Diktum deutlich: „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert – es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Das eben leistet keine Theorie, nur der Mensch selbst. 

Einige Zeilen weiter:

“Liberale Theorien könnten es eben offenlassen, ob sie sich auf die Seite des einzelnen oder auf die Anliegen der Gemeinschaft schlügen.“ 
Die Theorien schlagen sich auf die Anliegen der Gemeinschaft? 
Noch einmal, mit Peter Fuchs: Keine Theorie tut handeln. Oder schlagen. Und schon gar nicht sich auf die Anliegen der Gesellschaft. 

Die nächsten Sätze:
“Das ist kaum richtig. Es war stets der Ausgangspunkt liberaler Theorien, die Beweislasten zwischen politischer Ordnung und individueller Freiheit ersterer aufzubürden.“ 
Dem Leser wiederum wird keine geringere Last aufgebürdet.
Was soll bewiesen werden? Das hat der Autor wohl vergessen.

“Wohl keinen Zufall stellt es dar, daß die praxisbezogene Völkerrechtslehre das Buch bisher eher gemieden und seine Herausforderung durch das Entwickeln einer schärferen juristischen Systembildung nicht angenommen hat oder annehmen konnte.” (8. Absatz)

Eine schärfere Bildung eines Systems soll entwickelt werden?
Eher wohl ein “schärferes System”, noch eher ein einfach besseres juristisches System.
“Koskenniemis Kritik arbeitet sich an einem Ideal systematischer Geschlossenheit von Rechtssystemen ab (…)”, und der Leser muß sich an der Kritik dieser Kritik abarbeiten, bis ihm die Lust zum Weiterlesen abhanden kommt.

Spenden? (FAZ, Titelseite)

Freitag, April 21st, 2006

In „Hu lehnt Aufwertung des Yuan ab”:

„27 Abgeordnete und Senatoren forderten die Führung in Peking auf, die Praxis der Entnahme von Organspenden von Gefangenen zu beenden.“ 

Wenn die Gefangenen ihre Organe spenden würden, wäre es kein Skandal. 
Aber nicht die Entnahme von Organspenden findet statt, sondern die Entnahme von Organen.

Erwiesene Bezüglichkeit (FAZ, Feuilleton, S. 35)

Donnerstag, April 20th, 2006

Gerhard R. Koch in seinem Artikel “Die Gedanken sind neu” über zwei Komponisten:

“Gleich dreifach erwies Widmann Schubert seine Referenz (…).” (5. Absatz)

Der Referent aber erweist der Etymologie gar keine Reverenz.

Der Kaiser und seine Sprache (FAZ, Feuilleton, S. 42)

Mittwoch, April 19th, 2006

Über eine Ausstellung in Prag, die “Kaiser Karl IV. als den allergrößten Tschechen ehrt”:

Wer heute nicht, wie Kaiser Karl IV., neben den europäischen Sprachen das Tschechische beherrscht, stieß in den vergangenen Wochen auf der Burg auf ein Problem(…).” 

Wer heute nicht das Tschechische beherrscht, wie es also Karl IV. nicht beherrscht hat, stieß damit auf ein kleineres Problem, als es der Kaiser dann hatte.
Daß der “allergrößte Tscheche” zwar sein Land, aber nicht seine Sprache beherrscht hat, kam ihn bestimmt hart an.

Ungeheure Verwirrung im Untergrund (FAZ, Feuilleton, S. 36)

Dienstag, April 18th, 2006

Niklas Maak schreibt unter dem Titel “Ungeheuer im Untergrund” über eine Ausstellung in Berlin; die 475 Wörter des Textes sind faz.net als Kauf-Artikel soviel wert wie eine gesamte FAZ-Ausgabe.

Hier ein Drittel davon:

“Den zentralen Raum der Ausstellung füllt eine Installation der dänischen Künstler Jakob Friies & Julie Lindhardt. In zwei laborartigen Glaskästen wächst auf tiefen Beeten Kresse - die meisten Pflanzen sind grün, einige aber auch rot. Das sei, wie die Kuratoren meinen, keine Laune der Natur, sondern eine gentechnische Manipulation der dänischen Firma ‘Aresa Biodetection’: Das modifizierte Gewächs reagiere, so heißt es, auf Nitroglyzerin im Boden und sei für den Einsatz in verminten Kriegsgebieten entwickelt worden: es verfärbt sich rot, wo im Boden eine Tretmine liegt.
Das sieht so verblüffend aus, daß man es - kritisch geworden durch die oft ebenso wilden wie schwer nachzuweisenden Behauptungen, die Künstler gerne zur Exegese ihrer Werke bereitstellen - zunächst für eine Erfindung hält. Die Kuratoren jedoch können Dokumente vorlegen, die beweisen, wie mühsam es gewesen ist, die manipulierten Gewächse überhaupt ausstellen zu dürfen.”  
                          Mühsamer wohl, als diesen Text zu schreiben.

Was? - Was sieht so verblüffend aus, daß man es zunächst für eine Erfindung hält? Wenn die Kresse gemeint ist, worauf der Text hinführt: sie ist tatsächlich eine Erfindung, das Ergebnis einer Gen-Manipulation. Das wird ausdrücklich vorher und nachher im Text gesagt.

Wenn die Aussage der Kuratoren gemeint ist, daß es sich um eine genmanipulierte Pflanze handelt: warum sieht eine Aussage verblüffend aus? Von einem lesbaren Text, der verblüffend aussehen könnte, war vorher nicht die Rede, und auch dann wäre die Formulierung mißlungen.             

Der Autor bringt einfach den Gegenstand der Aussage, die Kresse, und die Aussage über deren Künstlichkeit durcheinander.

“Kritisch geworden durch die ebenso wilden wie schwer” nachvollziehbaren Aussagen, die Kunstkritiker gerne in ihren Texten machen, überlegt man sich besser, ob man 1,50 Euro für die 475 Wörter von Herrn Maak ausgeben soll.       

Wen die Wahl hat (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Politik, S. 10)

Sonntag, April 16th, 2006

Über Tony Blair: „Wieder andere streuen das Gerücht, schon ein schlechtes Abschneiden Labours bei den Kommunalwahlen am 4. Mai werde die `nukleare Option´ zünden, also den abrupten Rücktritt.“ 

Das Gerücht wird dadurch genährt, daß die Labour-Partei in letzter Zeit viele Optionsexplosionen bei Optionsversuchen ausgelöst hat.                

Wenn Wähler optieren, werden Optionen gezündet. Werden auch Wähler gezündet, wenn Optionen gewählt werden?