Archive for Mai, 2006

Fehlende Unsicherheit (FAZ, Titelseite)

Mittwoch, Mai 31st, 2006

Im Aufmacher-Artikel über den Entscheid des EuGH zur Weitergabe von Fluggastdaten:

“Dennoch rechtfertigten sie und der Ministerrat das Abkommen mit den neuen Herausforderungen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, der fehlenden Rechtsunsicherheit für Fluggesellschaften und Fluggäste und dem Schutz wirtschaftlicher und finanzieller Interessen.”

Das ist natürlich ein starkes Argument für das Abkommen, wenn es das Fehlen von Rechtsunsicherheit behebt.

Mit dem Abkommen können sich nun alle recht unsicher fühlen.

And now for something completely different (FAZ, Titelseite, Inhalt)

Freitag, Mai 26th, 2006

Das zur WM:

Nur nicht vom Krieg reden - Herr Cleese, warum hat England noch nie einen Elfmeter ins Tor gebracht? Unser Freitagsinterview, diesmal mit dem bekannten Monthy-Python-Komiker”.

Der so von dem unbekannten und unfreiwilligen FAZ-Komiker Konkurrenz bekommt. Glücklicherweise hat der für die Angabe des Inhalts zuständige Redakteur das Interview nicht geführt, sonst wäre dessen sportpublizistische Inkompetenz als bellizistische Provokation verstanden worden.

Der in Fußballdingen besser beschlagene Interviewer selbst stellt John Cleese zum Abschluß des Gesprächs die gemeine, doch den Tatsachen entsprechende Frage, warum England fast jedes Elfmeterschießen verliere.

Der erstgenannte Redakteur hingegen kennt offenbar den Unterschied zwischen einem Elfmeterschießen und einem Elfmeter nicht und formuliert dann wie obenstehend.

Wahrscheinlich eine Anweisung vom Ministerium für alberne Sätze.

Kreditwürdige Gläubiger (Financial Times Deutschland, Titelseite)

Mittwoch, Mai 17th, 2006

Im Aufmacher-Artikel “Bundesbank geht Hedge-Fonds an - Vorstand schlägt Kontrolle durch Ratingagenturen vor” will die FTD ihren Lesern erklären, worin die Arbeit einer Rating-Agentur besteht:

“Rating-Agenturen wie etwa Standard & Poor´s untersuchen heute bereits die Qualität von Investmentfonds. Ihre Haupttätigkeit ist aber die Beurteilung der Kreditwürdigkeit großer Gläubiger.”

Und daher werden die Rating-Agenturen von potentiellen Schuldnern konsultiert, damit diese Schuldner erfahren, wo sie Geld am sichersten leihen können.

Der Sklave seiner Duftstoffe (FAZ, Feuilleton)

Samstag, Mai 13th, 2006

Ingeborg Harms über den neuen Roman von John Updike:

“Jetzt, wo die Fäden gekappt sind, begreift er sich als Marionette seiner Pheronome: ‘Das Geheimnis flieht. Das System stürzt ab’, heißt es faustisch.”                              

Doppelfehler. Pheromone, nicht “Pheronome”, sind Sexual-Duftstoffe und nicht Sexual-Hormone, um das Geheimnis für Frau Harms fliehen zu lassen. Damit deren Einsatz vielleicht das nächste Mal gelingt.

Namen und Vergriffe (NZZ, Feuilleton, S. 27)

Donnerstag, Mai 11th, 2006

Die Neue Zürcher rezensiert unter dem Titel “Namen und Begriffe - Ein Wörterbuch der Psychoanalyse” den “international Dictionary of Psychoanalysis”:

“Unter der Leitung des französischen Psychoanalytikers Alain de Mijolla, Herausgeber und Mitautor, hat ein Redaktionskomitee zehn Jahre an diesem Projekt gearbeitet.”
“Alain de Mijollas Ziel war es, ein Handbuch zu schaffen, das die Psychoanalyse in ihrer ganzen theoretischen und praktischen Heterogenität zeigt, so wie sie sich historisch in über fünfzig verschiedenen Ländern bis heute entwickelt hat.”

“Für Alain de Mijolla ist die Psychoanalyse kein Dogma, sondern ein unendlicher, heterogener Weg zur Erforschung der Psyche und ihrer Schöpfungen.”

Monsieur de Mijolla hat sich nach zehn Jahren Arbeit an diesem Großprojekt gewiß kompetentere Rezensionen gewünscht

Ein Dogma ist ein Glaubenssatz, eine einzelne Aussage in einem System.
Ein Teil, nicht das Ganze.
Die Psychoanalyse hingegen ist das ganze hier behandelte System.

Man kann ja sagen, daß die Psychoanalyse ein Glaubenssystem sei und dogmatisch, auf Glaubenssätzen aufgebaut. Man sollte aber nicht einen Satz mit einem System von Sätzen verwechseln. Das Wort ist nicht die Sprache, der Artikel ist nicht die Zeitung.
Wenn die NZZ das glauben sollte, wäre es ein sehr eigenes Dogma.

Gedrücktes Niveau (FAZ, Feuilleton, S. 48)

Donnerstag, Mai 11th, 2006

In der Kolumne “Update” über Bildung in Indien:

“Damit unterliegen nun fast fünfzig Prozent der Plätze in Schulen und Regierungsbüros einer Quote. Studenten in den Großstädten laufen dagegen Sturm:

Die Regelung drücke das Niveau des Unterrichts und die der zugelassenen Schüler.”

Die Regelung drückt sich selbst und der Schlußredakteur sich um seine Aufgabe.

Portrait des Künstlers als junge Arbeit (FAZ, Feuilleton)

Montag, Mai 8th, 2006

Niklas Maak über Künstlerdarstellungen im Kino:

“Was die NGBK mit dieser Ausstellung bietet, ist das, was man in den staatlichen Museen Berlins, aber auch in den „Kunst-Werken“, die in den letzten Jahren immer mehr mit kuratorischen Carepaketen und Ausstellungszweitverwertungen aus New York abgespeist wurden, zunehmend vermißt:

Sie faßt verschiedene Gegenwartskünstler, darunter etliche Arbeiten jüngerer Künstler aus Berlin,

unter einem Aspekt, einer These zusammen und präsentiert sie auch für interessierte Laien verständlich - und ist allemal einen Abstecher in die jenseits der Kulturtouristenströme liegende Kreuzberger Oranienstraße wert.”

Unter den verschiedenen Gegenwartskünstlern befinden sich auch etliche Arbeiten?

Das markiert dann den Übergang von der abstrakten Kunst zu den abstrakten Künstlern - eine kunsthistorische Zäsur ersten Ranges.

Das Unbehagen im Kulturteil (FAZ, Feuilleton)

Samstag, Mai 6th, 2006

Im Artikel “Behagen in der Kultur” von Henning Ritter:

“Das große Bild vom „Prothesengott“, der trotz all seiner Hilfsorgane das Gefühl der Ohnmacht nicht ablegen kann, rundet dieses Bild ab, das doch erstaunlich viel Richtigkeit bewahrt hat.” (4. Absatz)

Der “Prothesengott” kann das Gefühl der Ohnmacht nicht ablegen?
Also sein Gefühl seiner eigenen Ohnmacht?

Vielleicht fühlt er sich ohnmächtig, weil er den Menschen das Gefühl der Ohnmacht nicht ablegen hilft.

Gewichtige Leichtigkeit (FAZ, Feuilleton)

Mittwoch, Mai 3rd, 2006

Jordan Mejias über den Umbau der Morgan Library in New York:

“Leichtigkeit heißt hier das Paßwort. Renzo Piano hat die schwere, bedeutsam historisierende Pracht, mit der sich der Bankier J. Pierpont Morgan und seine Nachfahren gleich dreimal der Mitwelt empfehlen und der Nachwelt dauerhaft einprägen wollten, in eine schwerelose Geometrie aus Glas und Stahl eingebunden.” (1. Absatz)

Dann:
“Nie aber drängt sich Pianos klarer, kühler Modernismus, dessen Leichtigkeit aus einer strukturellen Strenge Gewicht bezieht, in den Vordergrund.” (7. Absatz)

Die Leichtigkeit bezieht Gewicht? Und verliert demnach an sich selbst, an Leichtigkeit?