Archive for Juni, 2006

Am mächtigsten allein (FAZ, Titelseite)

Donnerstag, Juni 29th, 2006

Im Aufmacher-Artikel “Israelische Truppen marschieren in Gaza ein”:

“Inoffiziell hieß es, die Operation solle zeigen, wie teuer den Terroristen eine Entführung kommt.”

Den Terroristen, nicht die Terroristen kommt die Entführung teuer zu stehen?

Der Grund des Einmarschs ist also der eine einzige Terrorist, der alleine die Israelis bekämpft und gegen den wohl der ganze Krieg geführt wird.

Eindrucksvolle Einzelleistung.

Beug dich schon mal vor, Harry (FAZ, Feuilleton)

Freitag, Juni 23rd, 2006

Im Artikel “Beug schon mal vor, Harry” rezensiert Uwe Walter, Professor für Alte Geschichte in Bielefeld, das Buch “Romdeutsch” von Karl-Wilhelm Weber, das den täglichen Einsatz des Lateinischen behandelt.
Walter nutzt die Gelegenheit, um die marode Praxis des gegenwärtigen Latein-Unterrichts zu beklagen und seine persönlichen Normen zu formulieren:

“Wenn man Latein auf die einzig sinnvolle Weise lehren und lernen will, nämlich mit hohem Anspruch, dann ist es richtig schwer. Dabei ebenso askesefördernd wie bereichernd. Und elitär, also positiv diskriminierend.” 

“Was sich mittlerweile alles Latinum nennen darf, erfahren Historiker an der Universität, wenn sie Studierenden mit einem solchen einen leichten Originaltext zur Übersetzung vorlegen.” 

Wer mittlerweile alles über Sprache schreiben darf, erfahren Leser in der FAZ, wenn mit einem sprachlichen Thema befasste Autoren ein kleines Beispiel ihrer Kompetenz zur Betrachtung vorlegen:

“Die Sünden wider das grammatische Geschlecht oder die Beugungen sowie unsinnig gesteigerte Superlative wie ‘optimieren’ spießt ein Kapitel ‘Dummlatein auf Deutsch’ auf, ohne das Satire-Potential zu nutzen.”

Sein eigenes Satire-Potential schöpft der Rezensent unfreiwillig aus.

“Optimieren” ist kein Superlativ, sondern der Infinitiv eines Verbs.
Nicht nur die Form ist falsch gewählt, sondern sogar die Wortart.

Das also ist der vom Autor geforderte hohe Anspruch, mit dem gelehrt und gelernt werden soll, bereichernd und elitär.

Zu Gast bei Freunden (Frankfurt, WM)

Sonntag, Juni 18th, 2006

03:30 Samstag nacht, Frankfurter Innenstadt.

Jemand in einem ManU-Auswärtstrikot mit einem Fahrrad:

“Excuse me, do you know the way to the West-End?” - “Just head to the big yellow bank-tower, by foot it takes about 25 minutes!” - “Luckily I just found this wonderful bike on the street!” - “Found it on the street!” - “Well!”

I know where Syd Bassett lives (FAZ, Feuilleton)

Samstag, Juni 17th, 2006

England-Korrespondentin Gina Thomas über das Theaterstück “Rock´n Roll” von Tom Stoppard, in dem die Figur des Pink Floyd-Gründers Syd Barrett eine Rolle spielt:

“Während ‘The Plastic People of the Universe’, eingezwängt in das Korsett der Staatsmacht, die Welt bewegen, indem sie für ihre Grundsätze einstehen, geht ein Syd Bassett an seiner Freiheit zugrunde.”

Syd Barrett selbst, der nie mehr ganz von einem LSD-Trip zurückgekehrt ist, nachdem er LSD in angeblich handvollen Dosen zu sich nahm, scheint als Droge auf Frau Thomas zu wirken, in deren offenbar erweitertem Bewußtsein er sich in einen Hund verwandelt.
Oder wirkstoffinduzierte Assoziationsbildung:
“Hasch Papi - hush puppy - Basset!”

See those colours, hear those voices.

And I know where Paul Weller lives:
Cause he´s a puppy too!

Mittelhirnknochen (ZDF)

Donnerstag, Juni 15th, 2006

Der Moderator im Spiel England gegen Trinidad/Tobago:

“Die Einwechslung von Rooney ist riskant, beim erneuten Bruch seines Mittelfußknochens stehen 30 Millionen Pfund auf dem Spiel, das sind 100 Millionen Euro.”

(5 Minuten später:) “Wie ich gehört habe, habe ich eine falsche Zahl genannt, weil ich statt in Euro in DM umgerechnet habe. 30 Millionen Pfund … 30 Millionen Euro … (lange Pause) … Lampard!”

Sein Wort ist Gesetz (Financial Times Deutschland, Titelseite)

Mittwoch, Juni 14th, 2006

In der Titel-Meldung “Deutschland verbietet Tabakreklame”:

“Die Bundesregierung wird Tabakreklame in deutschen Medien vollständig verbieten. Nachdem EU-Generalanwalt Philippe Léger gestern eine Klage Deutschlands gegen das EU-weite Tabakwerbeverbot abgeschmettert hatte, will Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU) die europäische Richtlinie nun ‘unverzüglich’ in nationales Recht umsetzen.
Tabakindustrie, Handel und Verleger protestierten.
Seehofers Ankündigung hat zur Folge, dass Reklame für Zigaretten und andere Tabakwaren in deutschen Zeitungen, Zeitschriften, Internet- und Rundfunkangeboten nun verboten wird.”

Das nennt man ein Machtwort: Schon Seehofers Ankündigung der Richtlinien-Umsetzung genügt demnach, um die Tabakwerbung in Deutschland zu verbieten. So macht regieren Spaß - keine Einbringung eines Gesetzantrags, keine Abstimmung darüber, keine Verabschiedung des Gesetzes.

Die FTD sollte nackte Frauen auf die Titelseite legen, um die Seriosität wenigstens etwas zu steigern: “Lieber mag Claudia die Ankündigung von heißem Wetter zur WM. Bei bunten Ballspielen bringt sie trotz Tabakwerbeverbot jede Zigarre zum Brennen.”

Und trinken Bier und Schnaps und Wein (FAZ, Politik, S. 3)

Freitag, Juni 9th, 2006

Günter Bannas über das WM-Jahr 1974 und wer und welche Atmosphäre damals geherrscht hat:

“‘Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt’, sangen derweil Gerd Müller und seine Flankengeber.

Das war ziemlich brav und klang ziemlich albern, zumal Tony Marshall als Vorsänger auftrat, der wiederum ‘Schöne Maid, bist du heut für mich da’ gesungen hatte.”

Wer nicht einmal “Schöne Maid, hast du heut für mich Zeit” nachsprechen kann, das noch heute fast jeder Fußballfan kennt und das millionenfach gekauft wurde, und beim Versuch schlechter reimt als Tony Marshall und Jack White zusammen, der beweist komplette Ignoranz gegenüber der Welt, die ihn umgibt und disqualifiziert sich dafür, irgendetwas über die Atmosphäre einer Zeit zu sagen.

Und ist der letzte, der sich über “Fußball ist unser Leben” lustig machen darf.

Endlich Howard (FAZ, Feuilleton, S. 47)

Donnerstag, Juni 8th, 2006

England-Korrespondentin Gina Thomas über die Verleihung des Orange-Preises an die Schriftstellerin Zadie Smith für ihren dritten Roman:

“‘On Beauty’, das Ende August unter dem Titel ‘Von der Schönheit’ bei Kiepenheuer und Witsch erscheint, ist als Tribut an E.M. Forsters ‘Wiedersehen mit Howard’ gedacht.”

Hello Again, Howard!

Der Roman, den Forster 1910 unter dem Titel “Howards End” veröffentlichte und der zu den bekanntesten Werken der englischen Literatur zählt,  ist in Deutschland als “Wiedersehen in Howards End” erschienen und weithin bekannt durch den gleichbetitelten Film.

Was Frau Thomas gedacht haben mag, als sie “Wiedersehen in Howards End” mit “Wiedersehen mit Howard” gleichgesetzt hat, wollen wir uns dezenterweise nicht überlegen.

Scientific Playboy (FAZ, Geisteswissenschaften)

Mittwoch, Juni 7th, 2006

Im Aufmacher-Artikel über die These von David Hockney, die Renaissance-Maler hätten ihre Bilder mit Hilfe von optischen Geräten angefertigt:

“Symposien wurden einberufen, populäre Wissenschaftsmagazine wie ‘Scientific American’ oder ‘Nature’, sogar noch populärere wie der ‘Playboy’ befassen sich seit Hockney mit der Frage, wodurch man die inakkuraten Teppichmuster Lottos erklären kann.”

Es befassen sich also auch populäre Wissenschaftsmagazine wie der “Playboy” mit dieser Frage.

“Nature” soll angeblich bald seinem Namen Ehre machen und dem noch populäreren Wissenschaftsmagazin “Playboy” nacheifern, indem es Centerfolds von naturbelassenen Wissenschaftlerinnen veröffentlicht.

Playboy-Bunny? Nature-Nanny!

Alle diese waren sind endlich mein (FAZ, Feuilleton, S. 35)

Mittwoch, Juni 7th, 2006

Über Picasso und das Prado-Museum:

“‘Alle diese Künstler waren endlich mein’, soll Picasso gesagt haben, als er Ende 1936 stolz den Prado-Direktorenposten antrat, den die Zweite Spanische Republik ihm wenige Monate nach Ausbruch des Bürgerkriegs, auf der verzweifelten Suche nach symbolischer Unterstützung, angetragen hatte.”

Hat Picasso vielleicht gesagt, aber dann in einem Anfall temporaler Verwirrung, wenn es zum Antritt des Postens geschehen ist.

Da fällt der Blick des Lesers auf die Überschrift des Artikels: “Alle diese Künstler sind endlich mein”, und er ahnt, wer hier wirklich verwirrt war.