Archive for September, 2006

Da capo (FAZ, Feuilleton)

Samstag, September 30th, 2006

Der Verweis im Inhalt auf eine Rezension:

“Auch das Londoner Old Vic Theater setzt auf O´Neill. Dort triumphiert Kevin Spacey mit einer stupend realistischen Inszenierung von ‘Ein Mond für die Beladenen’.”

Und hier triumphiert die stupende Kenntnis der Feuilletonisten, die Kevin Spacey zum Regisseur avancieren und Howard Davies beladen in den Mond schauen lassen.
Spacey als Schauspieler mag in der Inszenierung triumphiert haben, doch mit der Inszenierung triumphiert hätte gerne Howard Davies, der das Stück tatsächlich in Szene gesetzt hat.

Da capo (FAZ, Feuilleton)

Samstag, September 30th, 2006

England-Korrespondentin Gina Thomas hat die O´Neill-Aufführung gesehen und setzt sich selbst in Szene, indem sie der Landbevölkerung zum Mitschreiben diktiert:

“Geblieben ist bloß die zupackende Josie, die fluchen kann wie ein Scheunendrescher (…).”

Vor diesem hinweisenden Vergleich kannte man nur den sprichwörtlichen Scheunendrescher, der fressen kann.
Aber wer viel essen kann, der muß auch fluchen können. Das ist beim ebenfalls sprichwörtlichen Rohrspatz schließlich auch so, oder ähnlich.

Vom Fluchen zum Kämpfen:

“Der Vater glaubt in ihr eine verwandte Seele zu erkennen und ist insgeheim entzückt von ihrem würzigen Widerspruch. Die beiden haben Spaß am verbalen Clinch.”

Also nicht am verbalen Schlagabtausch, sondern am Festklammern am Gegner und am verkeilten Nicht-Kämpfen. Auch beim Boxen für das Publikum immer der insgeheim entzückendste Moment, obwohl es keiner zugibt und jeder laut pfeift. Das ist Unterhaltung.

Ganz erlöst (FAZ, Feuilleton)

Donnerstag, September 28th, 2006

England-Korrespondentin Gina Thomas war jetzt bei der angekündigten Auktion der Hitler-Aquarelle und staunt:

“Der Erlös übertraf mit einem Gesamterlös von 118 680 Pfund sämtliche Erwartungen.”

Und sämtliche Erwartungen übertreffen Erwartungen mit Gesamterwartungen.

“Well, that´s a lie” (FAZ, Politik, S. 8)

Donnerstag, September 28th, 2006

Über das Verhältnis von Tony Blair zu seinem Parteifreund und möglichen Nachfolger Gordon Brown, nachdem Blairs Frau angeblich Brown einen Lügner genannt hat:

“Denn während die Blairs im August wieder als Gäste des Schlagersängers Cliff Richards zum Urlaub in der Karibik waren, hatten die Browns in der Wohnung im obersten Geschoß von Downing Street Nummer zehn die Fenster für Vorhänge vermessen lassen.”

Der Schlagersänger und Gitarrist Richards heißt natürlich nicht Cliff mit Vornamen, sondern Keith. Als die Blairs das vorige Mal bei ihm in der Karibik zu Besuch waren, kletterte er auf eine Palme, um ihnen Kokosnüsse zu pflücken und fiel Tony Blair auf den Kopf.
Keith Richards kam ins Krankenhaus und der Pressesprecher der britischen Regierung dementierte die Beteiligung der Blairs an diesem Vorfall ebenso wie beim letzten.

Probieren über studieren (NZZ, Titelseite)

Mittwoch, September 27th, 2006

Im Aufmacher-Artikel über Blairs Rede auf dem Labour-Parteitag:

“In seiner dreizehnten und letzten Rede als Vorsitzender vor einem Labour-Partei-Kongress hat Premierminister Blair am Dienstag in Manchester den von neun Jahren Regierungsmacht verwöhnten Delegierten einige Erfahrungen über Politologie nahegebracht, die er selbst nicht immer respektiert hatte.”

Erfahrungen über Politologie - die würde man sich als Leser auch gerne nahebringen lassen. Schon Erfahrungen mit Politik wären interessant, erst recht Erfahrungen über Politik.
Aber Erfahrungen über Politikwissenschaft, die ein Politiker nicht immer respektiert habe, darüber hätte man viel erfahren wollen.

Flächen und Dichten (FAZ, Feuilleton)

Freitag, September 22nd, 2006

Bildunterschrift zu den Aufmacher-Fotos, die mit vielen Farben das Schwinden des Packeises am Nordpol zeigen:

“Statt zu 100 Prozent (pink) ist der Arktische Ozean hier nur zu 70, 50 beziehungsweise 30 Prozent von Packeis bedeckt.”

Es fragt sich, warum für die Darstellung der Bedeckung des Meeres mit Eis nicht eine Farbe ausreicht und was die anderen Farben sichtbar machen sollen.

Den Sinn des kryptischen Satzes erschließt die Bildunterschrift bei FAZ.net.

Der Autor der Bildunterschrift in der Zeitung hatte schlicht nicht begriffen, daß die Farben die Dichte des Eises bezeichnen.

Er dachte, damit würde die Ausdehnung der Eisfläche auf dem Meer gezeigt.

So gerät man beim Dichten ins Flache.

Ein “mit”? - Pssssscht! (FAZ, Feuilleton, S. 38)

Freitag, September 22nd, 2006

England-Korrespondentin Gina Thomas über die Versteigerung angeblich von Hitler gemalter Aquarelle:

“Bei den jetzt angebotenen Blättern, die am linken Bildrand entweder ‘AH’ oder ‘A Hitler’ signiert sind, will das Auktionshaus lediglich dafür verbürgen, daß sie ihm zugeschrieben sind. Sie wurden 1986 in einem belgischen Dachboden in einem alten Koffer entdeckt (…).”

Vielleicht sind in dem Koffer nun ein “mit”, ein “sich” und ein “auf” versteckt.
Die sollen auf dem Schwarzmarkt ebenfalls hohe Preise erzielen.
Hohe Preise? - Genaaauu!

Oder Beugehaft (FAZ, Titelseite)

Freitag, September 22nd, 2006

Im Aufmacher-Artikel “Köhler für Islamunterricht - ‘Deutschkenntnisse unersetzlich’ “:

Er plädierte dafür, Programme des Freiwilligen Soziales Jahres und des Freiwilligen Ökologischen Jahres sollten ausgebaut werden - ‘aber nicht halbherzig bitte’.”

Wir plädieren für ein Freiwilliges Grammatisches Jahr zum Erwerb der unersetzlichen Deutschkenntnisse.

Hunde im Weltall (FAZ, Titelseite)

Samstag, September 16th, 2006

Und wieder tut sich die FAZ mit den Tieren schwer.

Im heutigen Leitartikel über den vormaligen Planeten Pluto schreibt der Autor unter dem Titel “Dämlicher Hund”:

“Zu einer ’sauberen’ Lösung konnten sich die Astronomen nicht aufraffen, weil Pluto dafür zu viele Freunde hat. Das liegt unter anderem daran, daß der dämliche Hundefreund von Mickey Mouse nach dem Planeten benannt worden war. Deshalb sind die Astronomen auf die unselige Idee verfallen, den Begriff ‘Planet’ zu definieren.”

Der Comic-Hund Pluto gehört zwar zur Micky-Maus-Welt, ist aber keineswegs ein dämlicher, sondern ein sogar sehr aufgeweckter Hund, nämlich der Haushund von Micky, nicht ein Freund.

Der “dämliche Hundefreund” von Micky, den der Autor meint, ist nicht Pluto, sondern Goofy.

Und der kann schon mal überhaupt nichts für die Verwirrung im All.

Blairs Hexen-Projekt (NZZ, Titelseite)

Mittwoch, September 13th, 2006

Im Artikel “Proteste der Gewerkschaft gegen Blair”:

“Blair erklärte bezüglich der gewerkschaftlichen Thesen, dass der NHS und die Schulen zwar nicht befriedigend funktioniert hätten, dass seine Regierung aber unter dem Strich ständig mehr staatliche Stellen geschaffen und mehr in die öffentlichen Dienste investiert habe.
Das wäre, drohte er, unter einer Tory-Regierung nicht mehr der Fall.”

Nachdem Tony Blair schon seine Rücktritts-Drohung wahrgemacht hat, weiß man, daß mit ihm nicht zu spaßen ist.
Und er hält noch mehr Karten in der Hand.
Wenn Labour nicht gewählt wird, wird Blair den Konservativen befehlen, den öffentlichen Diensten den Hahn zuzudrehen.
Die Tories werden Tony in geschlossener Reihe folgen, also Obacht.

Cool Britannia, Britonya rule the aves.