Archive for Dezember, 2006

Hierarchie (NZZ, Titelseite)

Samstag, Dezember 30th, 2006

Im Aufmacher-Artikel “Weltliche Moral und religiöser Eifer”:

“Weder Schergen vom Schlage Saddams oder Kim Jong Ils in Nordkorea noch das scheindemokratische Regime der Mullahs in Iran verdienen das Verständnis des Westens.”

Auch das Wort “Schergen” lässt sich hier nicht verstehen. Ein Scherge war oder ist ein Handlanger der Obrigkeit, der gewalttätig deren Aufträge ausführt, ein Subalterner. Man kann Saddam Hussein und Kim Jong Il vieles nennen, aber nicht Untergebene.

Präpossession (FAZ, Titelseite)

Freitag, Dezember 29th, 2006

Im Leitartikel über die russische Rohstoff-Politik:

“Moskau ist mit der Übernahme von 50 Prozent an der staatlichen weißrussischen Pipelinegesellschaft ‘Beltransgas’ durch Gasprom nicht zufrieden.”

Der Übernahme von 50 Prozent der Pipelinegesellschaft durch Gasprom oder der Beteiligung von 50 Prozent an der Gesellschaft - es fällt ja auch schwer, sich eine bloße Beteiligung von Russland vorzustellen.

Sinn (NZZ, Feuilleton)

Donnerstag, Dezember 28th, 2006

Im Artikel “Geheimnisvolle Sinne - Wie Lebewesen auf ihren Reisen das Magnetfeld der Erde messen”:

“Könnte es sein, dass das Magnetfeld der Erde auch mich beeinflusst? Mein Gehirn besitzt zwar Magnetitkristalle, doch nichts deutet darauf hin, dass sie mir einen sechsten Sinn verleihen. Hinweise, dass Änderungen des Magnetfelds den Gleichgewichtssinn, die Sehempfindlichkeit und sogar auch den Orientierungssinn von Testpersonen beeinträchtigen, stehen noch auf wackligen Beinen. Auch die Wirksamkeit von Wünschelruten ist noch unbewiesen. Dennoch würde ich es nicht ausschliessen, dass manche Menschen einen überentwickelten Magnetsinn besitzen und deshalb Verzerrungen des irdischen Magnetfelds durch Wasseradern oder Erzlager fühlen können.”

Wenn es Menschen geben könnte, die einen überentwickelten Magnetsinn haben, dann haben Menschen im allgemeinen einen normal entwickelten Magnetsinn. Also haben die Menschen doch einen Magnetsinn.

Vielreihe (NZZ, International)

Donnerstag, Dezember 28th, 2006

Im Artkel “Angekündigter Widerstand gegen Bushs Pläne”:

“Das gilt umso mehr, als sich mittlerweile eine Reihe demokratischer Senatoren auf den Weg nach Damaskus begaben, wo sie mit dem syrischen Präsidenten Asad gesprochen haben.”

Eine Reihe begaben sich auf den Weg nach Damaskus, wo sie gesprochen haben.

Ganz kalt (NZZ, Titelseite)

Mittwoch, Dezember 27th, 2006

In der Meldung “Kleine Gletscher drohen ganz zu verschwinden”:

“Die Klimaerwärmung setzt somit kleinen Gletschern mehr zu.”

Das Klima mag sich wandeln, aber es erwärmt sich nicht.
Es hat nämlich überhaupt keine Temperatur.

Staatsdienst (FAZ, Titelseite)

Mittwoch, Dezember 27th, 2006

Im Artikel über die UN-Sanktionen gegen den Irak:

“Außenministerin Rice sagte, die Sanktionen seien das Ergebnis monatelanger harter Arbeit im UN-Sicherheitsrat sowie der europäischen Staaten Deutschland, Frankreich und Großbritannien.”

Das Ergebnis harter Arbeit sowie der Staaten - auch Staaten sind ja eigentlich eher Tätigkeiten.

Das Wunder des Lesens (FAZ, Titelseite)

Mittwoch, Dezember 27th, 2006

Im Inhalt

“Das Wunder Kerkeling - Zu den großen Überraschungen dieses Buchjahres gehört der Sensationserfolg des Tagebuchs einer Pilgerreise. Sie spricht auch säkular gestimmte Leser an.”

Sie, die Pilgerreise, spricht Leser an? Inzwischen bieten Verlagshäuser also nicht nur Reisebücher zur Lektüre, sondern auch Reisen selbst. Daß ein breites Publikum fähig sein soll, eine Reise zu entziffern, ist in der Tat eine große Überraschung und Sensation.

Verknüpfte Verknüpfungen (NZZ, Titelseite)

Samstag, Dezember 23rd, 2006

Im Aufmacher-Artikel:

“Aus heutiger Sicht verbindet man mit dem Thema ‘Menschwerdung’ freilich auch ganz andere Assoziationen (…).”

Oder assoziiert man ganz andere Verbindungen?

Wirklichkeit (FAZ, Titelseite)

Samstag, Dezember 23rd, 2006

Im Artikel “Jeder zehnte Häftling Opfer von Gewalt”:

“Die Ministerin hatte das Gutachten ‘Gewalt unter Gefangenen’ schon vor dem Mord an einem jungen Häftling in Siegburg in Auftrag gegeben. Der 20 Jahre alte Mann war von seinen Zellengenossen gefoltert und erhängt worden, ohne daß Aufseher es bemerkt hätten.”

Nicht nur hätten die Aufseher es nicht bemerkt, sondern tatsächlich haben sie es nicht bemerkt.

Goldzitroniges Glitzern (NZZ, Feuilleton)

Freitag, Dezember 22nd, 2006

Im Aufmacher-Artikel über eine New Yorker Ausstellung deutscher Portraitmalerei aus den 1920ern:

Erster Satz:

“Mit Begeisterung sind sie in den Krieg gezogen, traumatisiert kehrten nur wenige aus ihm zurück.”

Wer sind sie, die in den Krieg gezogen sind? Die wenigen, die zurückkehrten? Dann kamen also alle zurück, die in den Krieg gezogen waren. Oder: traumatisiert kehrten nur wenige aus dem Krieg zurück; das ebenfalls wäre viel besser, als wenn viele Heimkehrer durch den Krieg traumatisiert gewesen wären.

Zweiter Satz:

“Auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs blieben nicht nur Millionen Menschenleben, sondern auch die Illusionen und Hoffnungen einer mit ihm untergegangenen Welt.”

Eine wie der Erste Weltkrieg untergegangene Welt - das ist ein ungeschriebenes Kapitel der Geschichte: Blüte und Untergang des Ersten Weltkriegs.

Weiter:

“Dieses Kraftfeld bebt in den Bildern der Zeit heute noch nach.”

Da erzittert noch mehr, wenn Kraftfelder nachbeben.

Weiter:

“‘Glitter and Doom - German Portraits from the 1920s’ heisst eine Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum, und wenn einem bei diesem Jahrzehnt sofort das Adjektiv ‘golden’ einfällt, so ist von dem Glanz hier nur das falsche Glitzern zu sehen:”

Zwingend kausal: wenn einem das eine einfällt, dann ist nur das andere zu sehen. Und von einem Glanz ist nur sein Teil zu sehen, nämlich das falsche Glitzern, das scheinbar zu jedem Glanz gehört. Glitzerndes Gold, glänzende Juwelen der Formulierung.

Weiter:

“Sonst aber geht von dieser Ausstellung, die sich auf Porträts des sogenannten ‘Verismus’ beschränkt, eine verstörende Wirkung aus.”

Die ausgestellten Bilder sind keine Portraits des “Verismus”, denn nicht der “Verismus” wird hier portraitiert, sondern Menschen in den 1920er Jahren. Dieser Artikel allerdings ist ein veritables Portrait.