Archive for Februar, 2007

Kooperatives Schonen (NZZ, Titelseite)

Mittwoch, Februar 28th, 2007

Im Artikel “Der Internationale Strafgerichtshof legt Beweismaterial zu Darfur vor”:

“Moreno-Ocampo hat bei der Präsentation am Dienstag peinlichst darauf geachtet, die Regierung in Khartum nicht zu sehr anzugreifen. Er ist auf die Kooperation des Sudans angewiesen, obwohl die Rolle der Regierung bekanntlich nicht als besonders kooperativ bezeichnet werden kann.”

Der Autor will die sudanesische Regierung scheinbar ebenfalls nicht direkt angreifen: nicht ihre Rolle ist unkooperativ, sondern die Regierung.

Pferdekopf (FAZ, Feuilleton)

Dienstag, Februar 27th, 2007

England-Korrespondentin Gina Thomas über den “Harry Potter”-Darsteller Daniel Radcliffe:

Das U-Bahn-Fahren ist für viele Londoner Kinder neuerdings ein anderes Erlebnis geworden. Dort starrt ihnen auf den Werbeplakaten für die neue Inszenierung von ‘Equus’ überall der sich in einen Pferdekopf mutierende Torso des Harry-Potter-Stars Daniel Radcliffe entgegen.”

Auch der Leser starrt wie ein Torso und will zu zwei Pferdeköpfen mutieren.

Lineares Schreiben (NZZ, Feuilleton)

Dienstag, Februar 27th, 2007

Letzter Satz im Aufmacher-Artikel über den Karlsruher Mensa-Bau des Architekten Jürgen Mayer H.:

“Nicht zuletzt aufgrund seiner fotogenen Erscheinung dürfte diesem gleichermassen funktionalen und spielerischen Bau eine ikonenhaften Existenz von grosser Ausstrahlung sicher sein.”

Fotogenen, funktionalen, spielerischen: ikonenhaften. Die Grammatik der Serie.

Zählen (FAZ, Titelseite)

Samstag, Februar 24th, 2007

Erster Satz des Leitartikels:

Zweifellos bietet Deutschland zu wenig Kinderkrippen, Kindertagesstätten und frühkindliche Betreuungsmöglichkeiten.”

Da nicht ein Mangel an Unzählbarem wie Butter, Mehl und Milch besteht, sondern an zählbaren Krippen, Tagesstätten und Möglichkeiten, sind diese nicht zu wenig, sondern zu wenige.

Sein Vorsitzender (FAZ, Titelseite)

Samstag, Februar 24th, 2007

Im Kommentar zur EADS-Sanierung:

Das zeigt sich im Unternehmen bis in die Führung hinein: Während der EADS-Präsident Louis Gallois ein Beamter, also eine Art Staatskommissar, ist, kommt sein gleichberechtigter deutscher Ko-Vorsitzender Enders aus der Privatwirtschaft, ist also weit weniger angewiesen auf die Gunst der Politik.”

Wenn Enders nicht der Kollege von Gallois ist, sondern dessen persönlicher Ko-Vorsitzender, dann ist Enders nicht nur gleichberechtigt; wer wohl Gallois´anderer Ko-Vorsitzender sein mag, seine Ehefrau?

1. April (FAZ, Titelseite)

Samstag, Februar 17th, 2007

Die ersten Sätze im Aufmacher-Artikel:

“Der Bundesrat hat der vom Bundestag beschlossenen Reform der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung am Freitag in Berlin zugestimmt. Nach der Prüfung durch Bundespräsident Horst Köhler kann das Gesetz damit am 1. April in Kraft treten. Es sieht zu dem Zeitpunkt mehr Leistungen und Wahlmöglichkeiten für die gesetzlich Versicherten vor, eine Pflicht zur Versicherung für alle Bürger, später eine Strukturreform der gesetzlichen Kassen.”

Nicht ab dem Zeitpunkt, sondern zu dem Zeitpunkt sieht das Gesetz also die Änderungen vor. Am 2. April ist dann wohl alles wieder wie vorher. Und dafür dieses ganze Theater.

Tiefgelegt (FAZ, Titelseite)

Freitag, Februar 16th, 2007

Im Inhalt:

“Volleyball, wundersam - Zwischen Sonnenfinsternis und europäischem Hoch: Der VfB Friedrichshafen, Meister mit Alltagsproblemen, lotet in der Champions League seine Grenzen aus.”

Und im Artikel zur “Op Art”-Ausstellung in Frankfurt:

Die Präzision der Linien auf Bridget Rileys ‘Movement in Squares’ aus dem Jahr 1961 trifft das Auge unvorbereitet, lässt den Standpunkt unbestimmt erscheinen und lotet die Grenzen unserer Wahrnehmung aus.”

Ausloten kann man nur Tiefen, ein Lot fällt senkrecht nach unten, nicht zur Seite. Grenzen sind die Ränder eines Raums, ausloten könnte man allein dessen untere Grenze, den Boden; hier wird aber von “Grenzen” gesprochen. Die Redaktion sollte zur Weiterbildung auf den Bau gehen.

Wem? (FAZ, Titelseite)

Donnerstag, Februar 15th, 2007

Im Aufmacher-Artikel über den möglichen Verkauf von Chrysler durch Daimler:

“Neben einem Verkauf wären auch anderen Szenarien denkbar.”

Diesen Szenarien wären nicht nur denkbar, sondern einige auch dankbar.

Zur Findlichkeit der Kinder (FAZ, Titelseite)

Donnerstag, Februar 15th, 2007

Im Artikel über die Unicef-Studie:

Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, nicht die Wirtschaftsleistung eines Landes allein entscheide darüber, ob sich Kinder wohl finden.”

Wesentlich hängt es auch davon ab, wie gut sie sich versteckt haben.

Play it again, Sham (NZZ, Titelseite)

Dienstag, Februar 13th, 2007

Im Aufmacher-Artikel über das Außenminister-Treffen in Brüssel:

“Beim Mittagessen berieten die Minister über die Möglichkeit, die Bürgergesellschaft in Iran zu unterstützen, um sie längerfristig in die Lage zu versetzen, sich vom Mullah-Regime zu emanzipieren. Diese Überlegungen hängen auch, aber nicht nur mit den Sorgen zusammen, welche Teherans gegenwärtige Rolle im regionalen Kräfteverhältnis spielt.”

Teherans gegenwärtige Rolle spielt die Sorgen? Bisher kannte man nur Rollen, die von Darstellern gespielt wurden, aber Rollen, die selbst spielen können, sind die nächste Stufe im Schauspiel. Und Figuren spielen ist ohnehin läppisch. Sorgen zu spielen, Gefühle statt Personen zu verkörpern, das ist das Ding, das kommt - Dig the new breed!