Archive for März, 2008

Drangsalieren bis zum Vorwurf (FAZ, Titelseite)

Mittwoch, März 26th, 2008

Der vierte Satz im Leitartikel, über Tibet und das Kosovo:

„Hier wie dort geht es um ein Volk, das in einem Staat nur eine Minderheit darstellt und das von den Machthabern drangsaliert wird - bis hin zum Vorwurf des Genozids.”

Das Volk wird bis hin zum Vorwurf des Genozids drangsaliert?

Wenn ein Vorwurf der äußerste Wirkungsgrad des Drangsalierens ist, scheinen die erwähnten Machthaber milder als gedacht vorzugehen.

Datenzählen (NZZ, Politik)

Donnerstag, März 13th, 2008

Im Artikel “Schatzkanzler Darling im Schatten Browns”:

“Darling hat einen schweren Start gehabt. Der Verlust von 25 Millionen
D a t e n über Kindergeld-Empfänger, die Kehrtwendung in der Kapitalgewinnsteuer und der unbewältigte Aufruhr um die Ausländerbesteuerung sowie die späte kostspielige Verstaatlichung der Hypothekenbank Northern Rock liessen an seinem Fingerspitzengefühl zweifeln.”

Einzelne Daten, also einzelne Informationen, lassen sich schwer zählen. Jede Ziffer, jeder Punkt und jedes Komma sind jeweils eine Information.
25 Millionen ist die Zahl der Kindergeld-Empfänger, deren Daten auf einer CD gespeichert waren, die auf dem Postweg verlorengegangen ist.

Eine oder keine (NZZ, Feuilleton)

Donnerstag, März 13th, 2008

Im Artikel “«Zeitgenosse» Frisch – noch immer?”:

“Letztlich kommt er zu ähnlichen Einschätzungen wie Henry Kissinger, der sagt, dass die intellektuellen Kritiker der Politik nicht nur k e i n e Alternative hätten, sondern auch unbegrenzt Zeit, während der Politiker im Augenblick handeln müsse; und während dieser mit den Folgen seines Tuns zu leben habe, schreibe jener nach einem Irrtum einfach ein neues Buch.”

Manchmal ist es ein Vorteil, keine Wahl zu haben. Kissinger meinte hier aber eher eine Alternative als keine.

Selbstunterschied (NZZ, Feuilleton)

Dienstag, März 4th, 2008

Überschrift zu einem Artikel über zwei Verdi-Inszenierungen in Wien und Berlin:

“Verdi aus unterschiedlicher Perspektive”.

Nicht “aus anderer Perspektive”, es wird ja schließlich von zwei neuen Inszenierungen und zwei Perspektiven auf Verdi berichtet. Aber auch nicht “aus unterschiedlichen Perspektiven”? Eine einzige Perspektive unterscheidet sich also, und weil keine andere da ist, unterscheidet sie sich von sich selbst. Was war noch gleich der Unterschied zwischen einem Krokodil?

Das wohltemperierte Papier (FAZ, Titelseite)

Samstag, März 1st, 2008

Erster Satz im Leitartikel:

“Solarstromanlagen sind neben Wasserkraft und Windrädern zu Inbegriffen einer umweltschonenden Stromerzeugung geworden, denn sie liefern elektrische Energie, ohne Kohlendioxid freizusetzen, das für die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht wird.”

Das Klima kann sich immer noch nicht erwärmen, denn das Klima ist nichts als eine Statistik des Wetters, ein Mittelwert aller Wetterwerte an einem bestimmten Ort. Was sich dagegen erwärmt, ist die Erde.

Und weder nicht-gegenständliche Begriffe noch sich erwärmen könnende unbelebte physische Dinge lassen sich für etwas verantwortlich machen, sondern nur der Mensch - denn Dinge handeln nicht bewusst und können daher keine Verantwortung tragen. Sachen können nur verursachen.

Außerdem kann der Begriff “Solarstromanlage” zwar zum Inbegriff von etwas werden, mehrere Solarstromanlagen sind dann aber nicht auch mehrere Inbegriffe.

Leistungsgesteigert (NZZ, Feuilleton)

Samstag, März 1st, 2008

Der Frankfurter Philosoph Martin Seel über Doping und Moral:

“Andere Menschen nicht zu instrumentalisieren, ist eine der
g r u n d l e g e n d s t e n moralischen Normen überhaupt.”

Bestimmt noch viel legender als eine bekannte grundlegende sprachliche Norm.